{"id":3846,"date":"2024-04-08T07:21:07","date_gmt":"2024-04-08T07:21:07","guid":{"rendered":"https:\/\/old.profittlich.eu\/?p=3846"},"modified":"2024-04-08T07:27:11","modified_gmt":"2024-04-08T07:27:11","slug":"einem-letzten-brief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/old.profittlich.eu\/de\/kontakt\/info-en\/einem-letzten-brief\/","title":{"rendered":"Einem letzten Brief (Eduard Profittlich, 8.02.1941)"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Tallinn, den 8. Februar 1941<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Lieber Bruder,<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Meine lieben Geschwister und Anverwandten!<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Da ich nicht Allen einzeln schreiben kann, benutze ich die Gelegenheit, wo ich etwas ausf\u00fchrlicher schreiben kann, um Euch allen einen ausf\u00fchrlichen Brief zu schreiben: Und zun\u00e4chst m\u00f6chte ich Allen danken, die mir zu Neujahr und zum Namenstag geschrieben haben; noch besonderen Dank den Soldaten, die mir alle schreiben wollten, wenn auch nicht alle Briefe und Karte angekommen sind.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Damn m\u00f6chte ich Euch allen noch einmal gemeinsam schreiben das, was jetzt gerade mein Herz erf\u00fcllt. Es wird das ein Abschiedsbrief sein, ein Abschiedsbrief vielleicht nur f\u00fcr Monate, vielleicht auch f\u00fcr Jahre, vielleicht auch f\u00fcr immer.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Ihr habt sicher geh\u00f6rt und in der Zeitung gelesen, da\u00df noch einmal eine Umsiedlung von Deutschen aus den Baltenstaaten, Littauen, Lettland und Estland stattfinden soll. Diese hat jetzt begonnen und wird wohl bald beendet sein. Man hat mir dringend geraten, als Deutscher auch an dieser Umsiedlung teilzunehmen. Es gab verschiedene Gr\u00fcnde, die mir den Gedanken der Umsiedlung nahe legten. Ich kann diese Gr\u00fcnde nicht inn einzelnen darlegen. Jedenfalls waren die Gr\u00fcnde so stark, da\u00df ich inich ernstlich mit dem Gedanken der Umsiedlung befa\u00dfte und schon nahe daran war, mich auch bei der Kommission zur Umsiedlung anzumelden. Da aber f\u00ecigten sich verschiedene Umst\u00e4nde in meinem Leben so ganz eigenartig, da\u00df ich erkannte, da\u00df es Gottes Wille sei, da\u00df ich<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">hierbleibe. Den Ausschlag gab dann ein Telegramin aus Rom, aus dem ich ersah, da\u00df dieser Entschlu\u00df auch dem Wunsche des Heiligen Vaters entspreche.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Wenn ich aber diese Entschlus fasse, dann ergeben sich daraus verschiedene Konsequenzen: die erste Konsequenz ist die, das ich nach Abfahrt der Deutschen und der Liquidierung der deutschen Gesandtschaft, die wohl Anfang M\u00e4rz beendet sein wird, jede Korrespondenz mit Deutschland aufgeben mus. Wollte ich weiter mit deutschen Staatsb\u00fcrgern brieflich verkehren, w\u00fcrde das als sehr verd\u00e4chtig angesehen werden. Man w\u00fcrde in mir vielleicht einen deutschen Spion sehen und mich dementsprechend behandeln. Darum mus der heutige Brief mein letzter Brief sein. Ich kann nicht mehr schreiben, bis sich die Verh\u00e4ltnisse ge\u00e4ndert haben werden. Und ich m\u00f6chte auch Euch bitten, mir vorl\u00e4ufig nicht zu schreiben. Es k\u00f6nnte das f\u00fcr mich nur unangenehme Folgen haben.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Die zweite Konsequenz ist die, das ich mit meinem Hierbleiben verzichten mus auf allen Schutz, den ich als Deutschen Reiches genossen habe und das ich dann Sowjetb\u00fcrger werde und mich restlos dem Sowjetstaateunterstelle. Da ihr wist, das der Sowjetstaat im Prinzip religionsfeindlich eingestellt ist, im besonderen aber die katholische Kirche mit schiefen Augen ansieht, werdet Ihr verstehen, das Kirche mit schiefen augen ansieht, werdet Ihr verstehen, das dieser Entschlus von weittragenden Folgen sein kann.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Bis jetzt ist die religi\u00f6se Lage etwa so: alle Kirchenh\u00e4user mit einer Ausnahme sind verstaatlicht worden. Wir haben dadurch 8 H\u00e4user verloren und damit 2 Kappellen. 3 Kirchen sind schon nationalisiert worden. Die anderen werden bald folgen. Es ist nur noch nicht sicher, ob man f\u00fcr die Benutzung der Kirchen wird Miete bezahlen m\u00fcssen oder nicht. Wenn Mieten bezahlt werden m\u00fcssen, werden diese wahrscheinlich sehr hoch sein, so hoch, wie etwa auch f\u00fcr mein Zimmer. F\u00fcr dieses Zimmer, das ich jetzt habe, muste ich im vergangenenMonat 160 Rubel bezahlen, w\u00e4hrend ein Zimmer neben mir, das nur 2 Meter kleiner ist, nur 11 Rubel kostet. F\u00fcr die Geistlichen wir eben die h\u00f6chste Mietsnorm aufgestellt.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Wenn die Kirche auch ao hohe Mieten bezahlen m\u00fcsten, m\u00fcsten wir f\u00fcr unsere Kirche 2500 Rubel bezahlen, die wir nat\u00fcrlich nicht bezahlen k\u00f6nnen. Wir m\u00fcsten also dann versuchen, entweder mit Lutheranern und Orthodoxen eine gemeinschaftliche Kirche zu mieten, oder den Gottesdienst an mehreren Stellen in Privatfamilien zu halten, was nat\u00fcrlich auch schwierig sein wird.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Sonst haben wir vorl\u00e4ufig zum Leben genug. Und die Leute opfern so viel, das wir wohl nicht zu hungern brauchen werden. Es sei denn, es k\u00e4me Krieg, womit in Zukunft gerechnet werden musnn man auch noch nicht weis, wann das sein wird und wie sich dann alles gestalten wir. Aber sonst wird es wohl nicht am Notwendigsten zum Leben fehlen, so das ich deswegen keine Sorge habe.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Die einzige Gefahr, die mir drohen k\u00f6nnte, ist die das man anfangen w\u00fcrde, Priester von hier wegzuschicken oder zu verhaften. Bis jetzt ist das zwar noch nicht geschehen. Aber es ist m\u00f6glich, das man hier in Zukunft stenger sein wird. Eine direkte Lebensgefahr wird wohl kaum bestehen, wenn nich eine Krankheit bei gr\u00f6seren Strapazen sich einstellen w\u00fcrde, da Ihr wist, das meine Gesundheit nicht gerade die beste ist und mein K\u00f6rper wohl nicht mehr so wiederstandsf\u00e4hig ist. Doch f\u00fcrchte ich nicht, das man besonders streng sein wird. Vielleicht wird man sogar vor einem katholischen Bishof doch eine gewisse R\u00fccksicht zeigen, weil man doch in der Welt nicht in einem schlechten Lichte dastehen m\u00f6chte. Direkte Lebensgefahr k\u00f6nnte eventuell im Falle eines Krieges eintreten.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Trotzdem also menschlich gesprochen die Zukunft nicht gerade angenehm sein wird, habe ich doch den Entschlus gefast, hier zu bleiben. Es geziemt sich ja wohl, das der Hirte bei seiner Herde bleibt und mit ihr Freud und Leid gemeinsam tr\u00e4gt. Und ich mus sagen, das der Entschlus zwar einige Wochen Vorbereitung kostere, ich ihn dann aber nicht etwa mit Furcht und Angst gefast habe, sondern sogar mit grose Freunde. Und als es dann endlich klar war, das ich bleiben solle, war meine Freude so gros, das ich vor Freude und Dank ein Te Deum gebetet habe. \u00dcberhaupt habe ich dabei so sehr das Gnadenwirken Gottes an meiner Seele gesp\u00fcrt, das ich mich wohl selten im Leben so gl\u00fccklich gef\u00fchlt habe, wie am Donnerstagabend nach der Entscheidung und das ich noch nie die heilige Messe so and\u00e4chtig gefeiert, wie am verganenen Freitag, dem Tag nach der Entscheidung. Ich h\u00e4tte es jedem sagen m\u00f6gen, wie gut doch Gott gegen uns ist, wenn wir uns ihm ganz hineben, wie gl\u00fccklich man doch werden kann, wenn man bereit ist, alles, Freiheit und Leben f\u00fcr Christus dahinzugeben. Sichr haben um diese Zeit viele Menschen f\u00fcr mich gebetet, das Gott mir den rechten Weg zeigen m\u00f6ge und mir viel Gnade gebe.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Nie bin ich daher auch Gott so dankbar f\u00fcr die Gabe des Priesterum gewesen, wie in den letzten Tagen. Und das nicht nur deshalb, weil Gott so gut zu mir war, sondern auch, weil ich so viel Liebe und Dankbarkeit bei den Menschen fand, als sie h\u00f6rten, das ich nun sicher hier bleiben werde. Gewis, \u00e4usberlich ist in den letzten Jahren viel zerst\u00f6rt worden von dem, was ich in den letzten 10 Jahren mit so viel M\u00fchen und Sorgen aufzubauen versucht habe. Aber, von dem, was ich an den Seelen wirken durfte, ist docj viel gelieben. Und gerade manche von den Konvertiten, die ich in den letzten Jahren in die Kirche aufgenommen habe, zeigen eine ergeifende Liebe und Dankbarkeit f\u00fcr alles, was sie durch mich von Gott empfangen haben. So kann ich wirklich trotz allem dem lieben Gott nicht genug dankbar sein f\u00fcr alles das, was er mich hier hat wirken lassen.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Was nun die Zukunft angeht, so weis ich nat\u00fcrlich nicht, was kommen wird. Keiner kann die Entwicklung der Dinge mit Sicherheit voraussagen. Eines aber weis ich jetzt sicher: es ist der Wille Gottes, das ich hier bleibe und ich bin froch dar\u00fcber und gehe mit grosem Vertauen der Zukunft entgegen. Was auch immer kommen mag, ich weis, Gott wird mit mir sein. Und dann wird schon alles gut sein. Und mein Leben und, wenn es sein soll, mein Sterben wird ein Leben und Sterben f\u00fcr Christus sein. Und das ist \u00fcberaus sch\u00f6n.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Euch allen aber m\u00f6hte ich noch einmal danken f\u00fcr all Eure Liebe, auch f\u00fcr die Opfer an Geld, die Ihr f\u00fcr unsere Mission gegeben habt. Gott m\u00f6ge es Euch vergelten un Euch alle reichlich segnen! Gerne werde ich meine Dankbarkeit auch am Altare beweisen. Wie ich auch um Euer Gebet von Herzen bitte. Wenn Ihr etwas Gutes f\u00fcr mich tun wollt, dann last gelegentlich eine heilige Messe f\u00fcr mich lesen. Vielleicht kann auch der Herr Pastor von Leimersdorf meine Landsleute um ihr Gebet bitten, damit Gott mir auch in Zukunft seine Gnade nich versage, damit ich in allem, was da kommen mag, meinem hohen, heilige Beruf und meiner Aufgaben tre bleibe und f\u00fcr Christus und sein Reich meine ganze Lebenskraft und, wenn es sein heiliger Wille ist, auch mein Leben hingeben darf. Das w\u00e4re wohl er sch\u00f6nste Abschlus meines Lebens.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Sollte es aber Gottes Wille sein, das ich die schwere Zeit durchlebe und vielleicht sp\u00e4rter noch etwas f\u00fcr den Neuaufbau der Kirche hier arbeiten kann, dann will ich auch daf\u00fcr dankbar sein. Sobald es dann m\u00f6glich ist, werde ich ein Lebenszeichen von mir geben.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">So m\u00f6ge Gott uns alle in seinem heiligen Dienste und in seinem heiligen Glauben treu erhalten und uns alle segnen. Und aus der Ferne sende ich Euch allen des bisch\u00f6flichen Segen, so als wenn ich noch ein letztes Mal unter Euch weile.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">\u201eDer Segen Gottes des Allm\u00e4chtigen, des Vaters + des Sohnes + des Heiligen Geistes + komme \u00fcber Euch alle und leibe bei Euch allzeit.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Amen<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Mit hertzlichem Abschiedsgrus<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Euer Eduard.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tallinn, den 8. Februar 1941 Lieber Bruder, Meine lieben Geschwister und Anverwandten! 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